Vortrag unserer Vorsitzenden Sabine Koitzsch zum Kirchentag 2011
„Prekär oder fair? Die Beschäftigungssituation in Kirche und Diakonie“

Leider muss man die Beschäftigungssituation in der verfassten Kirche eindeutig als prekär bezeichnen. Aufgrund der geringen Anstellungsumfänge
sind Frauen im kirchlichen Dienst sicher überproportional vertreten. Doch die „gute“ Nachricht ist, dass von der prekären Situation Frauen und Männer
absolut gleichberechtigt betroffen sind. Dass zeigt die jahrelange Erfahrung in unserer Vorstandsarbeit.

Um das „Warum“ ergründen, muss ich bis in die Wendezeit zurückgehen. Da übernahm man ein Besoldung- und Vergütungssystem der EKD, das man
sich, aufgrund des deutlich geringeren Anteils von evangelischen Christen an der Gesamtbevölkerung in der ehemaligen DDR, eigentlich gar nicht
leisten konnte (BRD 40 %, DDR 15 % - aktuell 20 % durch Zuwanderung aus den Altbundesländern). Doch es lockten Finanzausgleich der EKD und
Staatsleistungen für Beamte, die die Bedenken bei den Entscheidungsträgern schnell zerstreuten.

Sieben Jahre nach der Wende verursachten Steuerrückzahlungen ein Loch von 30 Mio. DM im Haushalt der Sächs. Landeskirche. Völlig überstürzt, so
wurde mir vom damaligen Vorsitzenden des Finanzausschusses der Landessynode bestätigt, brachte man eine Verwaltungsstellenverordnung auf
den Weg, die zu Kürzungen bis zu 85 % pro Stelle (!) führten. Genaue Zahlen wurden von sämtlichen Bezirkskirchenämtern verweigert.
Diese Verordnung erschien übrigens bezeichnender Weise am Gründonnerstag.

Die Zeit ab 1997 war geprägt von Umstrukturierungen und Kürzungen, die in den allermeisten Fällen in bestehende Stellen eingriff, also immer den
einzelnen Mitarbeiter unmittelbar traf. Und waren es nicht Kürzungen, dann waren es – wie im Fall der Kantoren – deutliche Reduzierungen von A- und
B-Kantoren-Stellen. Ein ausgebildeter B-Kantor saß dann mit einem Mal auf einer C-Stelle. Und das hieß, eine geringere Gehaltsgruppe und ein nicht
selten halbierter Anstellungsumfang, also Gehaltsumfang.

Allerdings darf ich sagen, dass nicht immer die Bezahlung an sich schlecht ist. Auch wenn wir stetig bei gleichen – manchmal sogar höheren –
Lebenshaltungskosten dem westlichen Einkommen hinterher hinken, so ist die Vergütung gegenüber dem DDR-Einkommen deutlich gestiegen. Doch die
Freude darüber währt nicht lange, wenn man weiß, dass Kantoren meist 35 %ige C-Stellen haben. Bei Verwaltungsangestellten liegt der
durchschnittliche Beschäftigungsumfang ebenfalls bei 35 %. Besser sieht es zwar bei den Katecheten aus. Doch die machen nicht selten einen
Anstellungsspagat zwischen 2 – 3 Anstellungsverhältnissen. Bzw. gehören bei ihnen jährlich befristete Dienstverträge für die Erteilung von
Religionsunterricht dazu, solange es dafür keine Lehrer gibt. Auch das darf wohl zu Recht als prekär bezeichnet werden.
In einem Weihnachtsbrief dankte unser Bischof Bohl den Katecheten, dass sie die Änderungen recht gut angenommen hätten. Und er schloss seinen
Dank mit folgenden Worten: „Aber wir wollen das Störende nicht zu wichtig werden lassen, sondern getrost und unverzagt das Evangelium
verkünden.“

Hier möchte ich noch erwähnen, dass neben den Verwaltungsangestellten die Hausmeister und Kirchner in der arbeitsrechtlich schwächsten Position
sind. Personen dieser Berufsgruppen können - bei gleichbleibender Arbeit versteht sich - meist willkürlich im Arbeitsumfang gekürzt werden. Das ist
besonders dann der Fall, wenn sich die Kirchenvorstände und Pfarrer nicht für diese einsetzen. Außerdem werden Hausmeisterarbeiten gern
ausgelagert und der Mitarbeiter – auch nach vielen Jahren Zusammenarbeit – deshalb entlassen.
In einer unsicheren Lage befinden sich allerdings auch die Mitarbeiter, deren Stellen, wie z.B. bei der Erwerbsloseninitiative, zum Teil fremdfinanziert
werden. Was wird aus ihren Stellen, wenn die Drittmittel reduziert werden oder ganz wegfallen?

Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Mitarbeiter, die sich für die gerechte Behandlung der Mitarbeiterschaft einsetzen, durch diverse
Aktionen in ihrem Bemühen behindert werden. Sei es, dass man Mitarbeitervertretungen möglichst klein und schwach haben möchte, in dem man
Dienststellenleitungen entsprechend beeinflusst. Oder man ändert das Landesmitarbeitergesetz, damit es unserem Verband unmöglich gemacht wird,
einen Juristen, der durchaus als Gemeindeglied in die Landessynode entsandt werden könnte, in der Arbeitsrechtlichen Kommission an seiner Seite zu
haben. So sitzen nun wieder Katecheten, Kantoren, Hausmeister und Verwaltungsangestellte Volljuristen, z.B. Oberlandeskirchenräten, gegenüber.
Finden Sie das fair?

Noch ein Wort zu den Finanzen unserer Sächsischen Landeskirche. Man darf wohl sagen, dass sie die reichste im Osten ist. Wenn man immer wieder
von neuen Einsparbestrebungen spricht, müssen wir fragen: Weshalb? Von 2006 bis 2009 stiegen die Kirchensteuereinnahmen um 30 %! Das
Kirchensteueraufkommen verzeichnete selbst im Jahr der Finanzkrise 11 % Wachstum.
Das kam wohl auch für die Kirchenleitung unerwartet, denn die geringer geplanten Zuweisungen an die Gemeinden mussten im Nachhinein aufgestockt
werden. Da aber die Tendenz weiteren Zuwachs versprach, kam es nach der internen Ansage unseres Bischofs, dass die Gemeinden künftig nicht
mehr Geld bekommen dürfen, zu einer gewichtigen Änderung des Verteilprinzips. Von den Kirchensteuern wurden bisher 70 % an die Kirchgemeinden
gegeben und 30 % für übergeordnete Aufgaben verwendet. Seit 2 Jahren werden nun mehrere Mio. für diverse Rücklagen abgezogen und dann der
Rest 70 zu 30 aufgeteilt.
2010 war das 1. Jahr ohne Steigerung, die Steuereinnahmen stagnierte also lediglich auf ihrem hohen Niveau. Aufgrund der bereits wieder deutlich
besseren Konjunktur dürfen wir wohl in diesem Jahr wieder mit steigenden Einnahmen rechnen.
Bezeichnend fand ich immer, dass selbst der Finanzausschuss der Landessynode mal scherzhaft, mal ernst monierte, dass dieser eigentlich gar nicht
wirklich weiß, über wie viel Vermögen unsere Kirche verfügt. Auf Grund welcher „Notlage“ wird nun immer mehr an der Basis gekürzt? Prekär ist nicht
nur die Lage unserer Mitarbeiter, sondern prekär ist die Lage unserer Kirche. Ausgerechnet wieder und wieder dort zu kürzen, wo Gemeindearbeit
passiert und Missionierung stattfinden sollte, ist wohl für eine Kirche ein sehr merkwürdiges „Geschäftsgebaren“.

Vor ein paar Jahren wiesen wir im Gespräch mit Vertretern der Kirchenleitung darauf hin, dass die Mitarbeiter – haupt- und ehrenamtliche – doch der
Schatz der Kirche wären. Man erwiderte uns, dass dem nicht so sei. Denn was wirklich zählt, wäre das Produkt.
Bei dieser Sichtweise muss es nicht verwundern, dass man schon seit einigen Jahren immer wieder hochrechnet, wann in unserer Kirche der Letzte
das Licht ausmacht.

Ich möchte zum Schluss den inzwischen verstorbenen Superintendenten Dietrich Mendt, selbst 12 Jahre lang als Oberlandeskirchenrat im
Landeskirchenamt tätig, zitieren:
„Wenn Kirche keine Missionierung mehr betreibt, verliert sie ihre Kraft und wird von Auflösung und Zerstörung bedroht. Wenn man das Evangelium
nicht an der Gestalt der Kirche ablesen kann, wird die Kirche unglaubhaft. Einsparungen auch und vielleicht zuerst an der Spitze! Umfang, Ausstattung
und Gehälter der Kirchenleitung müssen das Bild einer bescheidenen Kirche widerspiegeln. Das Evangelium wird nicht mehr ernstgenommen werden –
und kann nicht mehr ernstgenommen werden – wenn es in den Strukturen der Kirche nicht sichtbar wird und Kirche deshalb nicht anders aussieht als
die Strukturen der Welt.“

Diese Worte stammen aus einer Handreichung aus dem Jahr 1996.

"Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein." Dieser Spruch aus der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium ist der Leitgedanke dieses Kirchentages.
Welcher Schatz liegt den Entscheidungsträger unserer Landeskirche am Herzen?